Leseprobe
66) Eine glückliche Winterpause? (M. Brunson)
An einem winterlichen Samstag ruft ein guter Freund und Kollege an und fragt, ob er einen zwei Monate alten Welpen vorbeibringen könnte, der vor drei Tagen stationär aufgenommen wurde und wegen schweren Durchfalls weiterer intensi-
ver Behandlung bedarf. Er hat bereits für den Urlaub gepackt. Seine Vertretung wird den Fall übernehmen, wenn sie am Montag kommt.
Er erzählt die Geschichte des armen Tierchens: »Nicky wurde vor zehn Tagen in einem dubiosen Tiergeschäft von einem Mädchen als Geschenk für seine Mutter gekauft. Zwei Tage später sah ich den Welpen, weil er sich die Lunge aus dem Leib hustete. Nicky bekam Antibiotika und eine Hustenmischung, und zwei Tage später setzte blutiger Durchfall ein. Sie erhielt stärkere Antibiotika und Darmkapseln, aber am nächsten Tag musste ich sie an den Tropf hängen, weil sie angefangen hatte zu erbrechen und ausgetrocknet war.«
Um seinem Freund einen Gefallen zu tun, stimmt der Tierarzt zu. Sein Kollege kommt am Abend und setzt den Welpen in seiner Abwesenheit in eine der Boxen.
Am nächsten Morgen sieht sich der Tierarzt dem ärmsten Welpen der Welt gegenüber. Nicky ist nur noch Haut und Knochen und sieht unglaublich traurig aus. Er greift zu der Liste mit den mannigfaltigen Anweisungen zu Injektionen, Tabletten und Mischungen gegen die Austrocknung, die ihm sein Kollege hinterlassen hat, und versucht, ihr die erste Tablette einzutrichtern. Sie wehrt sich mit aller Kraft, die ihr noch geblieben ist, gegen die Behandlung. Nach etlichen Versuchen verschwindet die Tablette schließlich in ihrem Hals.
Dann zieht er zwei kleine Spritzen und eine größere auf und beginnt, sich wie Brutus zu fühlen, weil er diesem armen kleinen Wesen eine derart schreckliche Behandlung angedeihen lässt, obwohl es ihm trotz dieser ganzen Medikamente doch immer nur noch schlechter geht. Seine Gedanken kreisen unaufhörlich um die Geschichte dieses armen Welpen, der erst zum Laden, dann zu den neuen Besitzern, zum Tierarzt und schließlich noch zu einem anderen Tierarzt transportiert wurde; er zögert, ihm die drei Spritzen zu geben.
In diesem Augenblick erfolgt ein Würgen, und die Tablette, die nach hartem Kampf geschluckt worden war, kommt zusammen mit einer großen Menge Flüssigkeit wieder hoch.
Der Tierarzt lässt die Spritzen fallen und denkt bei sich: Wenn sie sowieso sterben muss, kann sie genauso gut sanft mit homöopathischen Arzneien behandelt werden. Er wirft alle allopathischen Medikamente in den Mülleimer; der Welpe bleibt, bis er gesund ist oder tot!
Die ganze Familie wird mit einbezogen: die Ehefrau und drei Töchter. Jeder verbringt einige Zeit damit, den Welpen zu beobachten, um so viele Symptome wie möglich zu sammeln.
Nicky legt sich in eine Ecke an der Heizung. Der Kot ist fast reines Blut; nichts als Flüssigkeit. Sie atmet schwer. Sie ist wie ein kleines Skelett. Sie ist ruhig und erscheint traurig. Sie will weder fressen noch trinken. Gleichgültigkeit allem gegenüber, auch gegenüber ihrer Anwesenheit. Sie seufzt, wenn sie gestreichelt wird. Beide Nasenlöcher sind mit trockenen Krusten verlegt. Sie steht nur auf, wenn sie Kot absetzen muss. Der Urin ist dunkelbraun.
Erste Verschreibung, Sonntagnachmittag:
Pulsatilla 30K, gefolgt von einer 200K am Abend.
Am nächsten Morgen ist sie immer noch am Leben, hat aber zwei sehr flüssige Stühle abgesetzt. Sie braucht ein anderes Mittel!
Magnesium carbonicum aufgrund der Symptome Marasmus und »verlassenes Kind«. Keine große Veränderung. Sie versucht zu husten, ist aber zu schwach dazu. Neue Verschreibung am Abend unter Zuhilfenahme von Stuhl, gewaltsam, und Galle im Urin.
Crotalus horridus 30K wird mehrere Male am Abend gegeben.
Am nächsten Morgen lebt sie noch und lässt sich dazu überreden, ein paar Tropfen Wasser zu trinken. Die ganze Familie stimmt überein, dass sie ein klein wenig besser aussieht, aber es ist noch schwierig zu sagen, in welcher Hinsicht. Während sie vor dem Käfig stehend darüber reden, bemerken sie, dass sie nicht mehr die Kraft hat, sich hinzusetzen; ihre Vorderbeine rutschen weg, wenn sie einen Versuch macht. Es sind keine Muskeln mehr übrig. Niemand möchte einen Kommentar dazu abgeben; wird sie es schaffen?
Sie bekommt im Laufe des Tages vier weitere Gaben.
Am Mittwochmorgen atmet sie leichter; sie versucht nicht mehr zu husten. Sie hat mehrmals getrunken und erbricht nicht mehr. Zeigt sie wirklich eine Besserung?
Crotalus horridus, mehrere Male im Verlauf des Tages.
Donnerstag: Die Stühle ähneln jetzt einer dicken Soße. Sie hat etliche Male den Platz gewechselt. Als wir zu ihrer Box kommen, steht sie auf, um uns zu begrüßen. Das Mittel wird im Laufe des Tages mehrere Male wiederholt.
Am nächsten Tag wird ihr ein bisschen Futter eingetrichtert, und sie behält es bei sich! Es erfolgt keine Behandlung, aber sie ist immer noch sehr schwach, und der Urin enthält immer noch etwas Blut.
Samstag: Niemand in der Familie wagt, von ihr zu reden. Der Zustand bessert sich nicht. Wird sie es schaffen? Dem Tierarzt gehen wieder viele widerstreitende Gedanken im Kopf herum. Ist es das richtige Mittel? Sollte ich nach einem anderen suchen?
Dieselbe Arznei, aber in der 200K, einmalig.
Sonntag: Sie schnuppert an dem Futter, das wir ihr anbieten, aber wir müssen es ihr immer noch hineinzwingen. Sie möchte uns jetzt nachlaufen, es sieht so aus, als würde sie leben! Eine weitere Dosis
Crotalus horridus 200K.
Sein Freund ist aus dem Urlaub zurück. Der Fall wird besprochen, und es wird entschieden, dass sie bleibt, wo sie ist.
Montag: Sie läuft weniger wackelig. Als wir zu ihr kommen, liegt sie auf der Seite und hebt das Bein, so dass wir sie am Bauch kraulen können. Der Kot ist immer noch flüssig, enthält aber einige feste Partikel. Sie frisst auch ihren ersten Teelöffel Hundefutter.
Am Dienstag beginnt sie, mit dem kleinen Kätzchen zu spielen, das nachsehen wollte, was die ganze Familie tagtäglich in der Krankenstation macht. Sie frisst jetzt gut.
Der nächste Tag ist der 31. Dezember; sie wird nach Hause entlassen. Ein schöner Tag als Abschluss des Jahres. Die ganze Familie ist ein wenig traurig, als sie nach Hause geht. Es ist so, als wäre Nicky froh, dass der konventionelle Tierarzt in Urlaub gefahren war.
Epilog: Nicky wird acht Jahre später erstmalig wieder vorgestellt. Sie hatte in ihrem ganzen bisherigen Leben keine weiteren Probleme. Jetzt leidet sie seit ein paar Monaten an einem Ekzem. Die konventionelle Behandlung war nicht zufriedenstellend, und so taucht sie im Sprechzimmer des homöopathischen Tierarztes auf, der ihr vor so vielen Jahren das Leben gerettet hat.
Die Konsultation ergibt nichts wirklich Nützliches, das die eine oder andere Arznei angezeigt hätte. So verabreicht der Tierarzt eine Gabe
Crotalus horridus 200K, genau wie damals, als sie Welpe und so krank war. Das Ekzem verschwindet innerhalb weniger Tage!
Inhaltsverzeichnis
Inhalt Danksagung 6
Einleitung 8
Wie ich zur Homöopathie kam 10
Homöopathie im Licht der Medizingeschichte 15
Homöopathie, eine eigene Methode 19
Hahnemann, der Begründer der homöopathischen Prinzipien 20
Hahnemanns Versuche 23
Hahnemann versucht, seine Verschreibungen zu verbessern 27
Das Organon 30
Das homöopathische Prinzip 32
Die Anwendung der Homöopathie 39
Was ist Klassische Homöopathie? 43
Individuelle Medizin? 46
Was muss der Homöopath wissen? 48
Homöopathische Medizin und homöopathisch zubereitete Arzneien 51
Homöopathie und Placebo 55
Drei verschiedene Arten, medizinisch tätig zu sein 58
Homöopathische Verdünnungen 65
Homöopathische Verdünnungen und die moderne Wissenschaft 70
Woraus homöopathische Arzneien hergestellt werden und worin der
Unterschied zwischen Homöopathie und Pflanzenheilkunde liegt 73
Ähnliches heilt Ähnliches 75
Was kann homöopathisch behandelt werden? 77
Homöopathie und die konventionelle Diagnose 80
Homöopathie und Krankheitskonzepte 85
Wie wirkt die Homöopathie? 90
Schlussfolgerung 98
Vorrede zur fünften Auflage des Organon 101
Vorrede zur fünften Ausgabe 101
Homöopathie für jeden Tag 104
Epilog 236
Namen und Adressen der Autoren der Fälle 238
Bibliographie 240
Fallnummern nach Tierarten 248